Wenn das Kopftuch zur Schublade wird…

Die Grundschule Pannesheide setzt seit 12 Jahren starke Zeichen bei Gewaltprävention und Toleranz

Genau 12 Jahre ist es jetzt her, dass die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Pannesheide anlässlich einer großen Feier erstmals ihre frisch erworbene Plakette „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hochhalten konnten. Gleichwertigkeit als demokratischer Grundsatz, dem Fremden die Chance geben, zu etwas Vertrautem zu werden, das eigene Urteil  auch als mögliches Vor-Urteil entlarven – all das sind präventive Ansätze einer  Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.

 

Seit der Aufnahme ins Courage-Netzwerk ist –getreu den strengen  Aufnahmestatuten- an der GS Pannesheide  viel geschehen, um den Gedanken der Gleichwertigkeit aller Menschen  fest in den kleinen Köpfen zu verankern. So war die Schülervertretung 2009 etwa bei der Unterzeichnung der ‚Herzogenrather Charta gegen rechts‘ dabei. Die Kinder unterstützten aktiv die Betttuch-Aktion ‚Bunt statt Braun‘ anlässlich der Herzogenrather Rathausverhüllung. Tief beeindruckt waren die damaligen Viertklässler im März 2011 vom Besuch des ehemaligen Deportationszugs „Zug der Erinnerung“, deren letzten Waggon sie mit selbst erarbeitetem Material  zum Leben der Anne Frank mitgestalten durften. Viele Einladungen und Auftritte bei internationalen Festivitäten folgten.

 

Etwas ganz Besonderes im Schulalltag ist aber auch jedes Jahr der Toleranz-Workshop von Youth for Understanding / Colored Glasses. Zum zehnten Mal jährt  sich jetzt die Zusammenarbeit der Schule mit der Internationalen Jugendorganisation. Engagierte und gut geschulte Jugendliche, oft Studierende sozialpädagogischer oder gesellschafts-politischer Fachrichtungen, bieten dabei den Viertklässlern besondere „Toleranzworkshops“ an.

Auf dem zunächst immer geheimen Lehrplan stehen dabei Themen, die das vorurteilsfreie Miteinander fördern und Ausgrenzungs-tendenzen entgegenwirken sollen.

Erstmalig spielten die jungen Ehrenamtler in diesem Frühjahr mit allen Pannesheider „Vierties“ ihre  neu entwickelte Simulation  ‘Reise um die Welt‘ durch.

Dass  auch Vorurteile ausgrenzen und verletzen können, lässt sich dabei hautnah erleben:

Eben haben sie noch munter Stellwände aufgebaut und Stühle gerückt, jetzt machen die Trainer von YFU ein ernstes Gesicht. Sie alle hüten ein Geheimnis. Als nach kurzer Einführung gleich darauf die zwanzig teilnehmenden Viertklässler in Kleingruppen auf eine simulierte Bahnreise geschickt werden, bei der sie sich ihre Sitznachbarn -stellvertretend  hierfür 12 Fotokarten höchst unterschiedlicher Menschen- selbst auswählen sollen, ahnen die Kinder noch nicht, welchen  Stereotypen sie bei der Bildauswahl gleich erliegen werden. Da ist beispielsweise die jung-dynamische Frau im trendigen Sportdress. Der dunkelhäutige Mann im weißen Kittel. Die Frau mit Kopftuch. Ein Mann mit Spiegel-Glatze. Eine junge Mutter mit Kleinkind. Die Jugendliche mit dem sonderbaren Blick. Der muskelbepackte Typ mit Tattoo. Dazu aufgefordert, diskutieren die Kinder lebhaft über die vermeintlichen Vorzüge ihrer Favoriten und stellen dabei so manche Mutmaßung auch über diejenigen Personen an, mit denen sie lieber nicht ihr Abteil teilen würden. („Der da hat eine Glatze  wie unser Nachbar–  der ist bestimmt nicht nett!“ / „Die hier (Frau mit Kopftuch) kann sich ja nicht mit mir unterhalten. Das würde bestimmt langweilig.“  „Das Mädchen guckt so komisch. Ist bestimmt ‘ne Kriminelle. Oder die nimmt Drogen.“ –

 

Wenn eine Meinung vehement genug vertreten und die vermeintlichen  „Argumente“ dafür mit Festigkeit vorgebracht werden, wird die Ansicht eines Einzelnen überraschend schnell zum Gesamturteil der Gruppe. Denn wer sich mit einer abweichenden Meinung nicht unterstützt sieht, gibt meist bald auf und schließt sich der Masse an. Man einigt sich schnell  in der Kleingruppe und erstellt an der Pinnwand ein Beliebtheits- Ranking.

Die Ergebnisse fallen am Ende der Arbeitsphase in allen Kleingruppen überraschend ähnlich aus. Die Macht der Bilder…

Später werden den Kindern dann die Menschen hinter den Fotos nähergebracht. Die Workshop-Leiter erzählen unerwartete Einzelheiten aus deren Biographien: Die dunkeläugige Kopftuchträgerin ist im wahren Leben Literaturprofessorin an einer deutschen Uni. Der Glatzkopf arbeitet im Kindertheater und spendet jährlich eine große Summe für soziale Projekte. So manche „Auflösung“ führt zu Erstaunen und Aha-Effekten bei den Neun- bis Elfjährigen:

Ich muss nicht nur genauer hinsehen, bevor ich urteile, sondern sollte mich auch vertraut machen mit dem, was zunächst fremdartig und „anders“ ist,  lautet eins der Ergebnisse aus der Abschlussrunde.

Vieles ist dann eben doch nicht so wie es zunächst scheint. Und auch „Courage-Kinder“ sind eben nicht jederzeit frei von Vorurteilen und Schubladendenken. Es bleibt noch viel zu tun…

 

 

Für die Gemeinschafts-Grundschule Pannesheide in 52134 Herzogenrath: Christiane Hauschulz  (Schulsozialpädagogin)